Wir nehmen es kaum noch bewusst wahr - und doch es ist überall: Plastik. Es ist billig, unzerbrechlich und formbar und hat dank dieser Eigenschaften alle Bereiche unseres Alltags erobert. Doch dieser Siegeszug hat unabsehbare Folgen für unsere Gesundheit. In seinem Film "Plastic Planet", der am 25.2. in den deutschen Kinos anläuft, entlarvt der österreichische Regisseur Werner Boote die "schöne bunte Plastikwelt". ZDF.umwelt hat ihn nach seinen Beweggründen befragt.
ZDF.umwelt: Wie kamen Sie auf die Idee, einen Film über Plastik zu machen?

Werner Boote: Ich habe 1999 einen Zeitungsartikel gelesen über Fische in einem Londoner Fluss, die aufgrund einer Substanz, die in Kunststoffen enthalten ist, vom Aussterben bedroht sind. Ich dachte damals: Das ist eigentlich eine Bombennachricht. Warum ist das nur so ein kleiner Artikel? Als ich ein paar Monate später weitere Artikel gelesen hatte, wollte ich mehr wissen und herausfinden, ob auch der Mensch bedroht ist.
ZDF.umwelt: Wie groß ist der Plastikberg auf unserer Erde?
Boote: Wir haben ausgerechnet, dass die Menge an Plastik, die in den letzten 100 Jahren produziert wurde, ausreicht, um die Erde sechs Mal einzupacken. Für den Film "Plastic Planet" bin ich in 25 verschiedene Länder gefahren und überall zeigte sich das gleiche Bild. Wir haben Personen gefragt, ob sie viel Plastik zuhause haben. Alle antworteten: "Nein, natürlich nicht." Dann haben wir die Wohnungen ausgeräumt und am Schluss war jeder erstaunt, wie viel Kunststoff zusammen kam.
ZDF.umwelt: Welche Bedrohung geht von Plastik aus?

Boote: Wenn man an Plastik riecht, können durch die Nasenschleimhäute gefährliche Substanzen in unseren Körper dringen und unseren Hormonhaushalt beeinflussen. Ebenso können sie in den Körper gelangen, wenn man Plastik angreift, daraus trinkt oder isst. Viele Substanzen stehen in dem dringenden Verdacht, krebserregend zu sein, unfruchtbar zu machen, Autismus hervorzurufen, Allergien auszulösen usw. Die Liste der Gesundheitsgefahren, die von Plastik ausgehen, ist lang.
Das Problem ist, dass Kunststoff allgegenwärtig ist und niemand weiß, was drin ist bzw. niemand uns sagt, was drin ist. Wenn wir in den Supermarkt gehen, denken wir, die Kunststoffindustrie ist wunderbar, die sorgt sicher gut für uns, die wird das alles gut testen. Das habe ich zumindest solange geglaubt, bis ich das erste Plastikprodukt chemisch-analytisch habe untersuchen lassen. Dabei ist rausgekommen, dass es weit über die Grenzwerte, die in der EU erlaubt sind, mit Schadstoffen belastet ist.
Weil ich nicht geglaubt habe, dass Kunststoff in meinem Blut sein könnte, habe ich es im Zuge des Films "Plastic Planet" testen lassen. Die Ergebnisse zeigten einen sehr hohen Bisphenol-A-Wert an. Es ist eine der meistproduzierten Chemikalien der Welt und steht im dringenden Verdacht, krebserregend zu sein und unfruchtbar zu machen.
ZDF.umwelt: Wie hat die Kunststoffindustrie auf Ihren Film reagiert?
Boote: Es hat ein Treffen von PlasticsEurope und dem Produzenten des Films gegeben. Die Kunststoffindustrie hat damit gedroht, mich zu verklagen. Sie haben aber beschlossen, es nicht zu tun, weil bei mir eh nichts zu holen ist (lacht). Zudem haben sie ein Dossier über "Plastic Planet" herausgebracht. Darin können sich die Firmen informieren, wie sie mit dem Film bzw. nachfragenden Journalisten umgehen sollen.
PlasticsEurope ist einer der führenden europäischen Wirtschaftsverbände. Die mehr als 100 Mitgliedsunternehmen produzieren über 90 Prozent der Kunststoffe in den 27 EU-Mitgliedsstaaten und Kroatien, Norwegen, der Schweiz und der Türkei.
Seitdem weiß ich, dass die Kunststoffindustrie ein großes Interesse an dem Film hat - und das ist auch gut so. Ich hoffe, dass es jetzt zu Gesprächen kommt und nicht wieder abgewiegelt wird. Was mich am meisten schockiert hat war die Reaktion der Industrie auf die Testergebnisse der Babysauger. Anstatt die Produkte sofort vom Markt zu nehmen, passierte gar nichts.

Stattdessen wurde gesagt: "Die Tests sind schlecht gemacht worden." Wir mussten also hergehen und die Tests noch mal machen. Dann hieß es, es ist ein Fehler, dass Bisphenol A in den Babysaugern ist, sollte eigentlich nicht sein, aber es tritt ja nicht aus. Dann haben wir wieder testen lassen und dabei kam raus, dass es sehr wohl austritt, und noch dazu in sehr hohem Maße. Erst dann haben die Firmen die Babysauger vom Markt genommen. Jetzt müsste auf allen Babysaugern "Bisphenol A frei" draufstehen.
ZDF.umwelt: Machen wir uns alle zu wenig Gedanken zu dem Thema?
Boote: Das Problem fängt damit an, dass über Jahrzehnte eine sehr mächtige Industrie uns gelehrt hat, das Material nicht mehr wahrzunehmen. Wir kaufen eine Cola, aber wir kaufen keine Plastikflasche mit einem Getränk drin. Und diesen Blick muss man langsam wieder schärfen.
Wenn man weiß, dass Schadstoffe aus dem Kunststoff austreten können, ist man vorsichtig. Man muss sich informieren und es muss von Seiten der Konsumenten Druck erzeugt werden, der Behörden dazu bringt, schärfere Gesetze zu erlassen, damit keine gefährlichen Substanzen in Plastik mehr erlaubt sind.
ZDF.umwelt: Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, welcher wäre das?
Boote: Ich wünsche mir eine Kennzeichnungspflicht. Es muss auf den Plastikprodukten draufstehen, welche schädlichen Substanzen drin sind. Und wie viel Prozent der Substanzen unbekannt sind. Das kostet die Industrie kein Geld, hat aber zur Folge, dass der Konsument sich für das sichere Produkt entscheiden kann. Und dann sind die Kunststoffproduzenten gezwungen, von den billigen gefährlichen Substanzen Abstand zu nehmen.